Jean-Paul Sartre hat einmal gesagt: ‚Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann.’
Ich kann nachvollziehen, wieso Simone de Beauvoir von ihrer ersten Begegnung bis zu Sartres Tod mit ihm verbunden war, ohne je eine feste Beziehung mit ihm geführt zu haben.
Wenn du jemanden kennen lernst, der dir die Welt und das Leben in wenigen Worten verdaulich zubereiten kann und noch dazu die schönsten Liebesbriefe schreibt, dann nimmst du in Kauf, dass dieser Jemand ein schielender Kahlkopf ist und einen Kopf kleiner als du.

„Ich glaube, du brauchst einmal eine Auszeit.“
Meine Mama sieht mich mit kugelrunden Augen an und nickt, um ihre Einschätzung zu bekräftigen.
„Die brauchst du meistens, wenn du anfängst von Sartre und de Beauvoir zu reden.“
Ebenso gut hätte sie mir sagen können, dass ich als Mädchen geboren wurde und regelmäßig atmen muss, um nicht zu sterben.
Ich bin ein bisschen enttäuscht von ihrer simplen Diagnose.
„Du musst dich ein bisschen ausrasten. Oder du wirst ausrasten.“
Lustig Mama, echt.

Wo war ich? Ach ja, in den genialen Köpfen anderer.
Ein kluger Schriftsteller namens Axel Munthe hat gesagt: ‚Der Mensch kann viel ertragen, solange er sich selbst ertragen kann.’
Dieser Satz begleitet mich auch schon lange und jedes Mal, wenn er in meinem Kopf aufploppt, weiß ich, ich muss demnächst einmal kurz stehen bleiben.
Er ist mein persönliches Alarmsignal und ziemlich attraktiv in seiner Altklugheit, finde ich.
Axel Munthe war darüber hinaus Psychiater in einer geschlossenen Irrenanstalt, daher vertraue ich seinem Urteil blind und gefesselt:
Solange du dich selbst aushältst, kannst du noch vieles schaffen. Wenn du dich aber das erste Mal fragst, wie du mit diesem Gedankenbrei hinter den Augen eigentlich noch funktionierst, dann ist Feuer am Dach! Dann wirst du deine öden Witzchen schon bald selbst nicht mehr hören können und deine sich wiederholenden Floskeln, die du in öden Gesprächen benützt und nach denen die Leute dich immer für ein bisschen dumm halten, quellen dir schmerzhaft bei den Ohren raus, noch bevor sie deinen Mund verlassen haben.
„Der Big-Mac-Index ist ein Indikator, der die Kaufkraft verschiedener Währungen durch den Vergleich der Preise eines Big Mac darstellt“ höre ich mich geistreich palavern und bete, meine Kreativität möge bitte bald aus ihrem unverdienten Urlaub zurückkehren.

Ginge es nach mir, gäbe es keinen Smalltalk und wir würden alle darüber sprechen, was wir uns wirklich denken. Aber wie die meisten Menschen bin ich gut dressiert und so erkundige ich mich nach der Getränkeauswahl, dem Job, der Urlaubsplanung. „Jaja, die Work-Life-Balance muss stimmen!“ und ähnlicher Nonsens kommt erfahrungsgemäß besser an als der Einblick in deine obskuren Gehirnwindungen.
Gedanken, die so unnachvollziehbar sind wie Besuchszeiten auf der Pathologiestation und so geschmacklos wie eben dieser Vergleich, behält man besser für sich.
Damit meine ich übrigens nur echte Geschmacklosigkeiten. Dass man im nächsten Meeting endlich einmal aufsteht und wie von Sinnen losbrüllt, gehört nicht dazu. So etwas stellt sich hoffentlich jeder Erwachsene hin und wieder vor, darüber kann man schon mal sprechen.

Haben Leute wie Kafka Smalltalk geführt? Wahrscheinlich nicht. Und wenn, hat er bestimmt nicht den Währungsvergleich von Wikipedia zitiert, sondern etwas gesagt wie: ‚Im Frieden kommst du nicht vorwärts, im Krieg verblutest du.‘
Mit solchen Ansagen bleibst du den Leuten natürlich in Erinnerung.

Mein Gehirn produziert leider nichts, das zitierungswürdig wäre. Das ist der Unterschied zwischen mir und einem Philosophen:
Wie Kafka schreibe ich nachts und träume von Käfern. Aber er wurde im Laufe seiner Nächte zum Genie und ich nur heißhungrig. Auf einen Big Mac. Der kostet in Österreich übrigens 3,70 und in Indien 1,90.

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Christina

2 thoughts on “PAUSCHOSOPHIE

  1. Carina on 26. Juli 2017 at 15:51 Antworten

    Das „wenn du dich selbst tragen“ kannst Wortspiel begleitet mich auch schon lange! Philosoph kann man nicht werden – der ist man! Und du bist eine ganz eigene Philosphin!!! Wieder einal top geschrieben 🙂

  2. elke on 28. August 2017 at 13:24 Antworten

    Ich liebe deine Blogeinträge. EIn Genuss. Bitte mehr davon!

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