Christina Pausch

Ich weiß noch, als ich mir das erste Mal bewusst Gedanken über den Blick eines anderen Mädchens gemacht habe.
Ich war etwa vier Jahre alt und gerade dabei, in der Puppenküche unseres Kindergartens Essen für die Familie zuzubereiten.
Sie war neu und die Kindergartentante stellte sie als „gerade hierher gezogen“ vor. Anhand ihres Gesichtsausdrucks versuchte ich zu erkennen, ob sie meine Freundin sein wollte oder ob sie eher bei Gelegenheit meinem Plüschbären den Arm auskugeln würde.
Ich streckte schüchtern meine Hand aus und bot ihr einen Löffel meiner imaginären Gemüsesuppe an.
Das neue Mädchen schwieg, musterte mich ernst und ich bekam Bauchweh.

Als Erwachsene spielen wir in unserem Alltag zwar nicht mehr in der Puppenküche, aber immer noch das Spiel jener Blicke.
Es ist normal und selbstverständlich geworden. Auch, dass es manche besser und intensiver spielen als andere, manche mit mehr, andere mit weniger Leichtigkeit.
Manche verteilen ihre Blicke gerne mit Nachdruck und im direkten Kontakt als Zeichen ihrer Dominanz, andere wohlwollend und über soziale Medien.
Wir haben heute in der Regel keine Angst davor, körperlich angegriffen oder von einem Vieh gefressen zu werden, wenn wir unsere durchgestylten Buden verlassen.
Aber wir fürchten, dass unser neues Instagramfoto vom Frühstücksmüsli oder unserem Outfit of the day zu wenige likes bekommt. Und können schon einmal zehn bis fünfzehn Minuten darüber grübeln, welche Hashtags wir besser gesetzt hätten.
#dasabsurdedaran: Unser Körper kann nicht beurteilen, warum wir uns sorgen. Er merkt nur, DASS wir uns sorgen. Und das permanent. Flacher, aber ständiger, unterbewusster Stress, den wir nicht wahrnehmen. Ausgelöst durch unser will-to-please,- die Sucht nach Bestätigung auf illusionärer Ebene.
Deshalb schüttet er eifrig und täglich Stresshormone und Neurotransmitter aus, als wären wir Soldaten in einem mittel- bis weniggefährlichen Kriegsgebiet.
Nicht in akuter Gefahr, aber stets spürbar angespannt und ruhelos.

Doch so komplex und breit gefächert die Problematik des Umgangs mit sozialen Medien inzwischen auch sein mag, das eigentliche Leck dahinter ist ein viel älteres, generationsübergreifendes (die folgenden Überlegungen kennt nicht nur die Generation Y, auch unsere Eltern und Großeltern sind bestens vertraut damit).
Am Ende geht es immer nur um Eines: Die Blicke der Anderen.
Bekomme ich genug davon? Bekomme ich sie von – für mich – bedeutsamen Personen? Folgen ihren Blicken auch die richtigen Gedanken?
Diese Gedanken und Blicke müssen nicht zwangsläufig positiv sein, auch Neid und Eifersucht sind vielen willkommen.
Was es auch sein mag, das ich im Anderen zu sehen glaube, irgendetwas muss er mir geben können,- andernfalls wird er schlagartig uninteressant.
Oder wann haben wir das letzte Mal auch nur ein längeres, angeregtes Gespräch mit jemandem geführt (gerne und ohne auf die Uhr zu blicken, Smalltalk ausgenommen), von dem wir nichts benötigten oder zu erwarten hatten? Der weder auf beruflicher noch auf romantischer/freundschaftlicher Ebene spannend für uns war und dessen Ansichten uns weder unterhalten, erstaunt noch interessiert haben?
Es ist ganz selbstverständlich für uns geworden, dass wir den Anderen zum Mittel zum Zweck degradieren, uns selbst aber in höchstem Maße gekränkt fühlen, wenn umgekehrt dasselbe mit uns gemacht wird. 

Wir mustern Mitmenschen, um möglichst schnell zwei Fragen zu klären: Bereichert mich dieser Mensch in irgendeiner Form, hat er etwas an sich, das ich will, brauche, etwas, das mir schmeichelt, mich erfreut oder wonach ich mich sehne? Könnte er mir Zuneigung geben, Glanz, Anerkennung, Lob, mir gar zu Erfüllung verhelfen? Kann ich mich in ihm verlieren und Träume und Hoffnungen in ihn hinein projizieren?
Oder: Bedroht mich diese Person in irgendeiner Form, gefährdet sie meine Position, mein Ansehen, mein Selbstwertgefühl,- fürchte ich etwas an ihr?

Wenn beides nicht zutrifft, wir weder begehren noch fürchten, wird unser Gegenüber in der Regel uninteressant und wir schenken ihm nicht länger Beachtung.
Erkennen wir aber Potential im Anderen, uns etwas geben zu können, was wir in uns nicht oder zu wenig wahrnehmen, beginnt die magische Anziehung. Manchmal geschieht es auch, dass wir einen Menschen begehren und gleichzeitig fürchten. Wenn uns jemand in höchstem Maße imponiert oder wir uns Hals über Kopf verlieben und uns unserer Verletztheit bewusst werden. Ein verwirrender und aufregender Zustand.

Und all das beginnt mit unserem Blick.
Nur deshalb fürchten wir die Blicke der Anderen.
Weil wir unsere eigenen Absichten und Bedürfnisse in ihnen erkennen. Und deshalb sollten wir noch länger und genauer hinblicken.
Nicht auf das Gegenüber, sondern auf unser eigenes Innenleben!
Weil das, was wir im Anderen zu erkennen glauben, so herrlich viel über uns selbst aussagt. 

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Christina

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