See you later, my dear hater!

Ich wache auf, meine Augen brennen. Die Sonne blinzelt durch die Vorhänge, ich schiele zur Uhr, wie spät ist es?
12:30 Uhr, eine ganz gute Zeit. Nach einem Nachtdienst im Ö3-Studio lege ich mich meist um kurz nach 7 Uhr ins Bett, es ist der erste von zwei Nachtdiensten gewesen.
Jetzt ist erst einmal Zeit für Frühstück. Während die Kaffeemaschine läuft, checke ich meine Firmen-Mails.
Beim Durchscrollen stoppt mein Daumen bei einem fremden Absender, Betreff: INFO.

Ich öffne das E-Mail und halte inne. Blicke auf eine Reihe von Kraftausdrücken und gesalzenen Unterstellungen, die alle meiner Person gelten. Bemühe mich, tief einzuatmen, während ich die gehässigen Zeilen lese. Eine klassische Haternachricht.
‘Was für ein schöner Start in einen neuen Tag’, versuche ich zu witzeln, und merke trotzdem, wie mein Herz stärker zu pochen beginnt.
Ich arbeite beim größten Radiosender des Landes und es ist natürlich nicht das erste Mal, dass mich jemand wissen lässt, wie sehr er mich nicht ausstehen kann.
Es gehört zu einem Beruf in der Öffentlichkeit wie das Amen zum Gebet, das weiß ich, nicht zu persönlich nehmen, jaja, kommt eben vor, sowieso. Und trotzdem kann ich nicht verhindern, dass mein Körper reagiert und sich ein flaues Gefühl in meiner Magengegend breitmacht.

Ich lese die Zeilen erneut. Gesendet vor knapp zwei Stunden, um 10:36 Uhr.
Steckt in diesem Schwall aus Feindseligkeit irgendwo konstruktive Kritik? Nein, hier kann mich jemand offensichtlich einfach auf den Tod nicht ausstehen und es liegt ihm viel daran, mich das spüren zu lassen. Die Nachricht ist nicht lang, aber ich erkenne in jeder Zeile die deutliche Absicht, mich tief zu treffen.

Moment! Irgendetwas irritiert mich plötzlich: Die Absenderadresse! 
Sie kommt mir bekannt vor, so vertraut. Wo habe ich diesen Nachnamen denn schon einmal gehört?
Ich öffne Google, tippe den Absender ein.
Und dann bleibt die Zeit kurz stehen.

NO WAY. Zwei Mausklicks später bin ich auf einer eleganten Homepage, die ich nicht zum ersten Mal sehe! Es ist eine Firma, die mein Lebensgefährte und ich vor nicht allzu langer Zeit in der engeren Auswahl für ein Projekt hatten- zu einer Kontaktaufnahme ist es aber nicht gekommen.
Ich scrolle durch das Mitarbeiter-Feed und bleibe beim Foto meines E-Mail-Partners hängen. Das ist er. Ganz sicher, auch wenn die Absenderadresse keinen vollständigen Vornamen enthält: Die darin enthaltenen Initialen stimmen mit seinem Namen überein.
Ich starre auf das adrette Portrait-Foto. Und tue mir schwer dabei, mir vorzustellen, wie dieser Mann heute Vormittag an seinem Schreibtisch ein derartig feindseliges Schreiben für mich formuliert hat.
Ich überlege. Lese die Zeilen noch einmal. Und wähle anschließend die Nummer, die die elegante Homepage angibt.
‘Zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren!’ steht in fröhlichen Pastelltönen unter dem Impressum. Na, dann los!

Ich gelange zur Sekretariatsstelle, die zuständige Mitarbeiterin begrüßt mich freundlich und fragt, was sie für mich tun kann. Ich bitte sie, mich mit Herrn K. zu verbinden. Sie fragt, in welcher Angelegenheit, Herr K. sei einer der beiden Geschäftsführer und womöglich gerade nicht an seinem Platz. Soso.
„Herr L. K. hat mir erst vorhin per E-Mail geschrieben und dazu habe ich jetzt ein paar Fragen“, antworte ich. Ich solle bitte kurz warten, sie stellt mich durch.
Während ich Musik von Mozart in Telefonqualität höre, merke ich, wie mein Herz wieder zu pochen beginnt.
Es ist seltsam, auf ein Gespräch mit seinem Hater zu warten. Wie begrüße ich ihn am besten?

Ich entscheide mich für ein klassisches „Guten Tag, Herr K.“, als er abhebt.
„Mein Name ist Christina Pausch, Sie haben mir heute Vormittag ein E-Mail geschickt!“
Schweigen am anderen Ende der Leitung.
„Ich spreche doch mit Herrn L. K.?“
„Was wollen Sie?“
„Mit Herrn L. K. sprechen, bitte. Der, der vorhin Kontakt zu mir aufgenommen hat.“
„Der arbeitet hier nicht.“
„Oh, aha. Aber ich bin doch gerade mit ihm verbunden worden?“
“Moment, bitte…”
Es vergehen ein paar Sekunden.
“Hallo?”
„Das ist mein Bruder. Der ist jetzt aber nicht da.“
„Ihr Bruder? Verstehe. Und wo ist ihr Bruder jetzt?“
„In Innsbruck. Ich vertrete ihn. Was brauchen Sie von ihm?“
Ich muss aufpassen, nicht zu lachen. So hatte ich mir das aber nicht vorgestellt, eigentlich war ich doch auf einen ernstzunehmenden Schlagabtausch am Telefon eingestellt gewesen! Mein Hater enttäuscht mich ein bisschen. Keine Beschimpfung, nicht einmal ein schnippisches Wort, dafür ein mysteriöser Bruder?

„Schade. Ich hätte gerne mit ihm gesprochen, um ihm zu sagen, dass ich sein Schreiben zur Kenntnis genommen habe. Und dass ich Kritik an meiner Arbeit äußerst ernst nehme, vor allem, wenn sie gepaart ist mit so heftigen Unterstellungen.”
Wieder kommt keine Antwort.
“Er ist offensichtlich kein Fan von mir, was völlig okay und fein ist.
Aber richten Sie ihm doch bitte aus, jetzt, da ich weiß, dass er ihr Bruder ist, dass die Art und Weise, wie er seine Kritik formuliert, kein gutes Licht auf Ihr Familienunternehmen wirft,- da Sie ja offensichtlich großen Wert auf Präsentation und Außenwirkung legen.“
Schweigen am anderen Ende der Leitung.
„Hallo?“
„Ja, passt. Ich werde es ihm ausrichten.“
„Sehr freundlich. Alles Gute für Sie, ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche! Auf Wiederhören.“
Und damit lege ich auf.

Ich fühle mich besser. Und irgendwie erleichtert. Nicht, weil ich glaube, dass L. K. (oder sein Bruder?) nach diesem Gespräch seine Meinung über mich ändern wird, bestimmt nicht.
Aber vielleicht habe ich doch irgendjemanden vor seinen verbalen Ergüssen geschützt, indem ich ihn kurz angetippt habe, à la:
‘Verzeihung? Hallo. Ich wollte Ihnen nur schnell sagen, dass wir hinter unseren Profilnamen und Mailadressen übrigens alle ECHTE Menschen sind. Es gibt uns wirklich!’
Vielleicht erinnert er sich beim nächsten Mal ja daran, bevor er in die Tasten hackt. Ich wünsche es ihm ehrlich.

Christina Pausch

Die Blicke der Anderen.

Ich weiß noch, als ich mir das erste Mal bewusst Gedanken über den Blick eines anderen Mädchens gemacht habe.
Ich war etwa vier Jahre alt und gerade dabei, in der Puppenküche unseres Kindergartens Essen für die Familie zuzubereiten.
Sie war neu und die Kindergartentante stellte sie als „gerade hierher gezogen“ vor. Anhand ihres Gesichtsausdrucks versuchte ich zu erkennen, ob sie meine Freundin sein wollte oder ob sie eher bei Gelegenheit meinem Plüschbären den Arm auskugeln würde.
Ich streckte schüchtern meine Hand aus und bot ihr einen Löffel meiner imaginären Gemüsesuppe an.
Das neue Mädchen schwieg, musterte mich ernst und ich bekam Bauchweh.

Als Erwachsene spielen wir in unserem Alltag zwar nicht mehr in der Puppenküche, aber immer noch das Spiel jener Blicke.
Es ist normal und selbstverständlich geworden. Auch, dass es manche besser und intensiver spielen als andere, manche mit mehr, andere mit weniger Leichtigkeit.
Die einen verteilen ihre Blicke gerne mit Nachdruck und im direkten Kontakt als Zeichen ihrer Dominanz, die anderen wohlwollend und über soziale Medien.
Wir haben heute in der Regel keine Angst davor, körperlich angegriffen oder von einem Vieh gefressen zu werden, wenn wir unsere durchgestylten Buden verlassen.
Aber wir fürchten, dass unser neues Instagramfoto vom Frühstücksmüsli oder unserem Outfit of the day zu wenige likes bekommt. Und können schon einmal zehn bis fünfzehn Minuten darüber grübeln, welche Hashtags wir besser gesetzt hätten.
#dasabsurdedaran: Unser Körper kann nicht beurteilen, warum wir uns sorgen. Er merkt nur, DASS wir uns sorgen. Und das permanent. Flacher, aber ständiger, unterbewusster Stress, den wir nicht wahrnehmen. Ausgelöst durch unser will-to-please,- die Sucht nach Bestätigung auf illusionärer Ebene.
Deshalb schüttet er eifrig und täglich Stresshormone und Neurotransmitter aus, als wären wir Soldaten in einem mittel- bis weniggefährlichen Kriegsgebiet.
Nicht in akuter Gefahr, aber stets spürbar angespannt und ruhelos.

Doch so komplex und breit gefächert die Problematik des Umgangs mit sozialen Medien inzwischen auch sein mag, das eigentliche Leck dahinter ist ein viel älteres, generationsübergreifendes (die folgenden Überlegungen kennt nicht nur die Generation Y, auch unsere Eltern und Großeltern sind bestens vertraut damit).
Am Ende geht es immer nur um Eines: Die Blicke der Anderen.
Bekomme ich genug davon? Bekomme ich sie von – für mich – bedeutsamen Personen? Folgen ihren Blicken auch die richtigen Gedanken?
Diese Gedanken und Blicke müssen nicht zwangsläufig positiv sein, auch Neid und Eifersucht sind vielen willkommen.
Was es auch sein mag, das ich im Anderen zu sehen glaube, irgendetwas muss er mir geben können,- andernfalls wird er schlagartig uninteressant.
Oder wann haben wir das letzte Mal auch nur ein längeres, angeregtes Gespräch mit jemandem geführt (gerne und ohne auf die Uhr zu blicken, Smalltalk ausgenommen), von dem wir nichts benötigten oder zu erwarten hatten? Der weder auf beruflicher noch auf romantischer/freundschaftlicher Ebene spannend für uns war und dessen Ansichten uns weder unterhalten, erstaunt noch interessiert haben?
Es ist ganz selbstverständlich für uns geworden, dass wir den Anderen zum Mittel zum Zweck degradieren, uns selbst aber in höchstem Maße gekränkt fühlen, wenn umgekehrt dasselbe mit uns gemacht wird. 

Wir mustern Mitmenschen, um möglichst schnell zwei Fragen zu klären: Bereichert mich dieser Mensch in irgendeiner Form, hat er etwas an sich, das ich will, brauche, etwas, das mir schmeichelt, mich erfreut oder wonach ich mich sehne? Könnte er mir Zuneigung geben, Glanz, Anerkennung, Lob, mir gar zu Erfüllung verhelfen? Kann ich mich in ihm verlieren und Träume und Hoffnungen in ihn hinein projizieren?
Oder: Bedroht mich diese Person in irgendeiner Form, gefährdet sie meine Position, mein Ansehen, mein Selbstwertgefühl,- fürchte ich etwas an ihr?

Wenn beides nicht zutrifft, wir weder begehren noch fürchten, wird unser Gegenüber in der Regel uninteressant und wir schenken ihm nicht länger Beachtung.
Erkennen wir aber Potential im Anderen, uns etwas geben zu können, was wir in uns nicht oder zu wenig wahrnehmen, beginnt die magische Anziehung. Manchmal geschieht es auch, dass wir einen Menschen begehren und gleichzeitig fürchten. Wenn uns jemand in höchstem Maße imponiert oder wir uns Hals über Kopf verlieben und uns unserer Verletztheit bewusst werden. Ein verwirrender und aufregender Zustand.

Und all das beginnt mit unserem Blick.
Nur deshalb fürchten wir die Blicke der Anderen.
Weil wir unsere eigenen Absichten und Bedürfnisse in ihnen erkennen. Und deshalb sollten wir noch länger und genauer hinblicken.
Nicht auf das Gegenüber, sondern auf unser eigenes Innenleben!
Weil das, was wir im Anderen zu erkennen glauben, so herrlich viel über uns selbst aussagt. 

DAS BESTE GEFÜHL DER WELT.

In welchem Zustand würden Sie, wenn Sie jetzt eine Entscheidung treffen müssten, für den Rest Ihres Lebens verweilen wollen?
Wie stellen Sie sich Erleuchtung, einen vollkommenen Seinszustand vor?

Manche Menschen beantworten diese Frage mit: Ein endloser Orgasmus.
Bei oberflächlicher Betrachtung erscheint das auch nachvollziehbar, ist ein Orgasmus doch der höchstmögliche Genuss, den ein menschlicher Körper erfahren kann.
Ein Sekundenrausch der Extraklasse: Euphorie bei gleichzeitiger Entspannung, die Serotoninspeicher entleeren sich hemmungslos und pünktlich zum Peak mischen noch Dopamin und Oxytocin eine Runde mit, zweifellos, da kommt schon einiges zusammen.
Trotzdem: Sich einen niemals endenden Zustand in vollkommener Ekstase zu wünschen ist natürlich Unsinn. Man denke an die immense Anstrengung, die sich schon nach kürzester Zeit einstellen würde. Und nach etwa achtundvierzig Stunden Höhepunkt hätten wir den Salat: Totale Erschöpfung, Überbelastung, Herzstillstand. Vom Gipfel direkt ins Nirwana. Ganz zu schweigen vom verstörenden Gesichtsausdruck, mit dem Sie herumrennen würden, bevor es Sie erwischt.
Sie sehen: Ein Orgasmus ist auch nicht immer die Lösung.

Ebenfalls eine gerne gegebene Antwort auf die Frage, was ewigen Seelenfrieden bescheren könnte: Verliebtheit.
‚Die Verliebtheit in der Kennenlernphase. Wenn man jemanden trifft, der der oder die Richtige zu sein scheint.’
Nüchtern betrachtet entscheiden Sie sich damit für eine klassische Form der Geisteskrankheit.
Ewig verliebt zu sein würde bedeuten, ewig schlaflos zu sein, unzurechnungsfähig und unangemessen euphorisch, frei von sämtlichen klugen, rationalen Gedanken. Ihr Sozialleben? Können Sie kübeln.
Denn nicht nur dem Umfeld, selbst unserem Körper ist Verliebtsein auf Dauer zu anstrengend. Aus diesem Grund heilt er sich in der Regel nach spätestens sechs Monaten selbst von diesem zwar entzückenden, allerdings auch höchst bedürftigen Zustand.

Ihre geschätzte Lebenserwartung läge bei niemals endender Verliebtheit – vorausgesetzt, Sie sind nicht derartig wirr und verträumt, dass Sie vor ein Auto taumeln oder in einen offenen Kanal fallen – zwar höher als bei jemandem, der sich für den Endlosorgasmus entschieden hat, aber nur weil man sich nicht das Genick brechen möchte, lässt man sich auch nicht freiwillig dem Arm auskugeln, nicht wahr?

Nun denn. Das schönste Gefühl der Welt ist unangestrengt, leicht und gleichzeitig voller Energie.
Es wird von keinem negativen und von keinem positiven Gedanken vernebelt und unterliegt damit auch nicht dem Gesetz der Dualität.
Deshalb ist es eigentlich auch kein Gefühl als vielmehr ein Bewusstseinszustand.
Und auch wenn Sie einen feuchten Khericht auf Buddha und spirituelle Lehren geben: Sie sind höchstwahrscheinlich regelmäßig in Ihrem Leben in diesem Zustand, ohne ihn bewusst wahrzunehmen.

Es ist der Moment, wenn Ihnen der Kellner oder die Kellnerin im Restaurant Ihr Essen bringt.

Ein Moment voll Stille und purer Aufmerksamkeit.
Wenn Sie registrieren, dass Ihr Essen gebracht wird, sind Sie für den Bruchteil einer Sekunde höchst präsent und gedankenfrei. Erfreut, aber unaufgeregt.
Kurz sind Sie befreit von Ihrem Ego. Denken nicht darüber nach, was Sie dem schmierigen Typen aus der Besprechung gerne gegeigt hätten, ob Sie morgen im Büro Hosenrock oder Jeans und Sneakers tragen werden oder wie die Schularbeit der Tochter wohl ausgefallen ist. All diese Dinge jetten vermutlich schon kurz nachdem Sie zu essen begonnen haben wieder durch Ihr Oberstübchen, aber dieser eine Moment, in dem Ihnen das Essen gebracht wird, ist Stille. Frieden.
Beobachten Sie sich beim nächsten Besuch im Restaurant und beobachten Sie die Menschen um sich herum. Versuchen Sie, diesen Bruchteil einer Sekunde bewusst wahrzunehmen.
Diese gedankenfreie Präsenz, in der Sie instinktiv wissen, was zu tun ist (nämlich den Teller entgegennehmen und das Essen begutachten) ist Erzeuger von wahrer Kreativität, Leichtigkeit und Tiefenintelligenz.
Wäre auch nur ein Drittel der Menschheit dauerhaft in einem ‘Mein-Essen-Kommt’-Bewusstseinzustand, – nennen Sie mich naiv, aber ich verwette mein nächstes Tofuschnitzel, – wir wären dem Weltfrieden ein ganzes Stück näher.

Freilich, spektakulärer sieht es aus, wenn jemand von seinen Hormonen zum Höhepunkt katapultiert wird. Aber ein ‘Mein-Essen-Kommt’-Dasein würde ich, auch gerade wegen seiner stillen Genügsamkeit, ohne zu zögern für den Rest meines Lebens abonnieren.

KEIMADVENT FÜR CHRISTINA

Es ist Montag, der 4. Dezember 2017, ich lande nach einer traumhaft schönen Reise durch Thailand am Flughafen von Wien.
Trotzdem lächle ich nicht. Mein Gesicht hat eigentlich gar keinen Ausdruck mehr, es vergräbt sich im Pullover meines Freundes, der mich stützt und hält.
‚Du glühst’, sagt er immer wieder, und ich kann es nicht verstehen, weil ich doch kurz vorm Erfrieren bin! Ich schließe die Augen und denke an meine Mama, früher im Winter war mir manchmal auch so kalt. ‚Du hast Schüttelfrost, Tini’, höre ich sie sagen, aber sie ist nicht da. Wo bin ich eigentlich gerade? Ich begreife gar nichts mehr. Fremde Gesichter beugen sich über mich, Rettungssanitäter erklären mir, dass ich gefährlich hohes Fieber habe. Etwas wird in mein Ohr gesteckt, es piepst. ‘40,4 Grad!’ ruft jemand, und dann geht alles ganz schnell.

Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich auf einem Bildschirm meine Herztöne lustig auf und ab hüpfen, eine Sauerstoffmaske pustet mir frischen Wind in Mund und Nase. EKG, Notaufnahme, echt jetzt?
Alles wirkt wie aus einer schlechten Krankenhausserie, fehlt nur noch, dass einer ‚Herzalarm, wir verlieren sie!‘ brüllt. Fast muss ich kichern über Grey’s Anatomy 2.0, sogar einen McDreamy gibt es, allerdings hat er blonde Locken. Er wirkt ernst und hat sicher Ahnung, bestimmt, gleich darf ich heimgehen, ich muss dann noch meinen feuchten Bikini aus dem Rucksack holen!
Ärzte und Pfleger reden schnell und durcheinander, es ist ungewohnt, wieder jemanden deutsch sprechen zu hören. Irgendetwas erinnert mich trotzdem an Asien, achja, alle tragen Mundschutz, wieso eigentlich? McDreamy erklärt mir, dass ich hochansteckend bin und meine Sauerstoffsättigung im Keller ist. Hm, wahrscheinlich keine gute Situation, um ihn anzumachen.
Ich bekomme Infusionen und gleichzeitig Blut abgenommen, linker Arm, rechter Arm, alles ist mir komplett egal, wo ist meine Angst vor Nadeln hin?
Tropf, tropf, tropf, meine Augen sind plötzlich schwer wie Blei, ich muss sie einfach zumachen.

Als ich blinzle, ist der Raum verändert. Wie spät ist es? Schläuche und Kabel hindern mich am Aufsitzen. Ich fühle mich besser und kann wieder denken, die haben mir echt gutes Zeug gegeben!
McDreamy ist weg, dafür sind zwei andere Ärzte da und eine Krankenschwester mit katzengrünen Augen. Darf man jetzt überhaupt noch Krankenschwester sagen? Später frag ich nach, gerade hab ich keinen Kopf für political correctness, was stimmt denn nur nicht mit mir?!
‚Sie haben einen Keim’, erklären mir die Augenpaare, ‚und wir tun jetzt alles, um schnell zu erfahren, welcher das ist.‘
Ich nicke und lächle, klar, die machen das sicher, es geht mir ja jetzt schon viel besser als noch vor ein paar Stunden, ehrlich! Keiner antwortet, keiner lächelt hinter seiner Maske.

Bald darauf lässt die magische Wirkung der Infusion nach und mein Fieber feiert sich in Rekordgeschwindigkeit wieder bis über den 40er hinaus. Jetzt ist es soweit, das sind die schlimmsten Schmerzen meines bisherigen Lebens! Zum ersten Mal bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich das hier überlebe. Dass es ab jetzt fünf Tage so gehen wird, weiß ich noch nicht.

‚Hallo Christina, wir müssen wieder… Faust machen, bitte.‘ Meine Armbeugen leuchten in blau und grün, langsam wird es mühsam, eine heile Stelle zum Stechen zu finden. Drei Mal täglich wird Blut abgenommen und ins Labor geschickt, einmal vor der Antibiotikainfusion, einmal danach, jeden Morgen. Meine Venen brennen wie Feuer, Tränen laufen mir unkontrolliert über die Wangen und bleiben im Nacken kleben, von den Medikamenten ist mir kotzübel. 48 Stunden schon, verdammt, wieso geht es mir nicht längst viel besser?!

Mittwochabend schwingt die Tür auf, ich höre lateinische Wörter, endlich, die Diagnose! Der Bakterienstamm ist eindeutig ermittelt. Direktimport aus Thailand, selten, soso, vermutlich übertragen durch unsauberes Obst (wieso wieso wieso hast du diesen Fruitshake am letzten Abend noch getrunken?!) oder Tiere (vielleicht über eine Katze, oder womöglich war es der kleine Hund, den ich kurz gestreichelt habe?). Und dann: ‚Der Keim ist resistent, das macht ihn so außergewöhnlich. Unsere Antibiotika sind wirkungslos dagegen, darum geht‘s Ihnen noch so schlecht.‘ Ja, nein, is klar. Das kann doch alles nur ein Witz sein! Langsam wird mir dieser Scheiß zu spannend, echt, ich mag nicht mehr.

An dem Abend erreicht mein Fieber seinen Höhepunkt, ich zittere und friere, ok doch, ich mag doch noch, bitte, ich mag leben!
Wir stehen also alleine im Ring gegen diesen Dreckskeim. Wir, mein Körper, sein Immunsystem und mein Waschlappen von Geist, ab jetzt noch unterstützt von Schmerzmittel- und Flüssigkeitsinfusionen. ‚Es tut so weh, ich halt das nicht mehr aus!‘, weint mein Kopf. ‚Halt den Mund, du Witzfigur! Du musst nicht mal was tun, die ganze Arbeit mach eh ich!‘ ‚Aber es tut so weh!‘
‚Mimimimi!‘ Mein Körper hat kein Mitleid. ‚Solang es weh tut, sind wir am Leben! Jetzt reiß dich gefälligst zusammen, ein bisschen positiver Spirit aus deinem Oberstübchen würd mir nämlich echt helfen!‘

Es ist Samstag, der 9. Dezember, Tag 6, heute geht es uns erstmals deutlich besser. Das Fieber ist gesunken, die Entzündungswerte sind eine ganze Spur zurückgegangen. Der Kopf himmelt den Körper inzwischen an und sagt ihm in einer Tour, wie toll er ist. Der Körper schweigt heldenhaft und ein bisschen arrogant, er ist inzwischen auch komplett erschöpft.
Ab jetzt schlafe ich viel, nur manchmal weckt mich ein Kopfstreicheln und jemand flüstert: ‚Ich muss nur schnell Fiebermessen und Blutabnehmen’ oder ‚Trinken nicht vergessen…‘.

Ob ich bald heim darf? Verständnislose Blicke. Nein, so übertrieben gut geht’s dann doch noch nicht. Weiterhin Quarantäne. Weiterhin Flüssigkeitsinfusionen. Tägliche Blutbildkontrolle, das muss schon noch länger sein.
Ich vermisse mein süßes Pferd, meine Freunde und die Arbeit, aber am meisten fehlt mir mein Freund. Die letzten Wochen habe ich Tag und Nacht jede Minute mit ihm verbracht, jetzt darf er mich nur einmal täglich besuchen und muss Abstand halten.

Es ist Montag, der 11. Dezember, ich kann schon wieder ein bisschen jammern. ‚Heuer hab ich noch nicht einmal ein Weihnachtslied gehört oder einen Keks gegessen…‘
‚Aber dafür hast du das Schlimmste geschafft und wirst Weihnachten noch erleben’, tröstet mich die liebste Krankenpflegerin der Welt.
‚Ich wär also wirklich fast gestorben?‘
Sie lächelt. ,Nein, soweit waren wir nicht. Du bist gleich erstversorgt worden und wir leben in Österreich, Ende 2017 und nicht 1815. Aber besonders lustig fanden wir das Ganze auch nicht. Wenn deine körpereigene Abwehr nicht so gut funktioniert hätte… aber das hat sie ja. Dein Immunsystem ist spitze, Topleistung bis jetzt! Das feiern wir mit einem festen Frühstück, hast du Appetit?‘
‚Nein, mir wird schon schlecht wenn ich es nur seh.‘
‚Wunderbar, dann wird‘s dich freuen, dass ich dich heute zum Essen zwinge! Wie war Thailand eigentlich sonst so?‘
‚Unbeschreiblich. Schön. Fast nicht zum Kapieren.‘
‚Fein. Kakao oder Tee, kannst du dir aussuchen. Und, willst du nach dieser Geschichte nochmal nach Asien?‘
‚Kakao, bitte. Auf jeden Fall! Und nach Indien. Aber vorher will ich mal nach Hause.‘

PAUSCHOSOPHIE

Jean-Paul Sartre hat einmal gesagt: ‚Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann.’

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