„Du, ich hab Wolle gekauft…“
Die Augen meines Freundes weiten sich. Er sieht mich an, als hätte ich ihm eben eröffnet, dass ich noch heute ausziehen und mit dem russischen Hilfskellner durchbrennen werde.
„Keine Sorge, heuer werde ich es nicht übertreiben“, verspreche ich.
Fünf Stunden später sitze ich noch immer, mittlerweile mit ersten Nackenverspannungen, in der Ecke und stricke wie eine Wilde.
Versprechen gebrochen, die wollige Affäre hat bereits begonnen. Ich kann es einfach nicht nicht übertreiben! Jedes Jahr packt mich pünktlich zur Frost- und Rotzraufziehenzeit das Strickfieber. Ich liebe das gleichmäßige Klappern der Nadeln, ich liebe das Gefühl von weicher Merino-Wolle zwischen meinen Fingern.

Stricken beruhigt effektiver als es ein liebevoll gebackener Brownie aus Amsterdam könnte.
Gleichzeitig kann ich mich dabei gedanklich auf das nächste Meeting vorbereiten, Diskussionen weiterführen, die so nie stattgefunden haben, Argumente finden auf Entgegnungen, die noch gar nicht geäußert wurden.
Nadel und Wolle halten geduldig aus und verwandeln sich langsam in Socken, Häubchen, Fäustlinge und Stirnbänder, während ich mich Masche für Masche in Richtung Erleuchtung stricke.
Ein Therapeut würde für diese verrückten Gedanken viel Geld verlangen.
Und währenddessen stellt sich das ein, das jeder kennt, der schon einmal etwas mit den eigenen Händen hergestellt hat: Erfüllende Zufriedenheit bis vollkommener Rausch. Pure Wolllust, ha!

Stricken ist herrlich. Es pustet meinen Schädel kräftig durch, gleichzeitig erschaffe ich etwas, worüber sich auch jemand anders freut.
Zumindest ist das der Plan. Doch am Ende drücke ich das Werkstück an mein Herz und wünsche mir meistens, es doch selbst behalten zu dürfen.
Und so hilft alles nichts, ich muss gleich mit dem nächsten Maschenanschlag beginnen!

Author

Christina

Leave a Comment

Your email address will not be published. Marked fields are required.

*