Ich liebe gute Ratschläge anderer Menschen.
Am liebsten male ich sie vor meinem inneren Auge auf große, weiße Leinwände und spiele anschließend damit Sackhüpfen.
Geschenkte Ratschläge kannst du maximal noch als kleine Aufmerksamkeit für jemanden mitbringen, der dir deine Wohnung auch schon oft mit Ratschlägen zugemüllt hat.

Das klingt zynisch, unbelehrbar und so, als wäre ich vollkommen überzeugt von mir und allem was ich mache? Im Gegenteil. Ich bin weich und oft schwach, einfach einzuschüchtern und ich überdenke und hinterfrage generell viel zu viel. Und das verdanke ich zum Teil den vielen Ratschlägen von anderen und meinem Fehler, dass ich sie angenommen habe.

Damit es kein Missverständnis gibt: Über WIRKLICH gute, praktische Ratschläge bin ich selbstverständlich dankbar, und wie! Der Rat meiner Mama „Gönn dir und deinen Füßen bitte immer gute Schuhe!“ war beispielsweise Gold wert.
Auch bin ich froh über jeden Insider von Frauen oder Männern mit krausem und gelocktem Haar! Immer her mit euren Tingeltangel-Bob-Tipps, bitteschön. Du weißt, wie man eine Festplatte schneller entrümpeln kann, welche Reiseroute in Schweden super ist und wie ein Brownie richtig saftig wird? Hurra, bitte bitte sag’s mir!

Aber Ratschläge zur vermeintlichen Verbesserung einer individuellen Persönlichkeit?
„Du musst dringend taffer werden“, „Nein, also nervös sein ist ganz schlecht. Du musst selbstbewusst sein!“,
oder „Sei nicht immer so … (hier ein beliebiges Adjektiv einsetzen)!“.
Newsflash: Nach so einem Satz war noch nie jemand automatisch selbstbewusster oder weniger nervös! Aber zur Nervosität gesellt sich dann auch noch schlechtes Gewissen, weil man ja nicht nervös sein sollte.
Diese Art von Ratschlägen finde ich nicht besonders heiß. Um nicht zu sagen: Die sollte jeder, der andere Menschen mag, schön bei sich behalten oder zumindest artgerecht als Sondermüll entsorgen.
Man schmeißt sein leeres Fastfood-Sackerl ja auch nicht einfach beim Fenster hinaus und beschwert sich dann über die verdreckte Welt.
Ähnlich ist es, wenn wir anderen, die dafür offen und entsprechend sensibel sind, laufend unsere Weisheiten mitteilen und was wir an ihrer Stelle anders machen würden und uns später darüber wundern, warum einst witzige, interessante Typen plötzlich unscheinbar, vorhersehbar und lobhechelnd werden.
Vielleicht waren es ein paar schlaue Tipps zu viel.

Angenommene Ratschläge dieser Art führen dazu, dass wir mehr und mehr verkopft handeln und unsere Intuition irgendwann ganz auf der Strecke lassen.
Sie haben darüber hinaus die unhöfliche Angewohnheit, auch dann zu kommen, wenn sie gar nicht eingeladen worden sind.
Es ist reichlich schräg, Teresa (erfundener Fantasiename, ich kenne keine Teresa), dass du dich gezwungen siehst mir einen dreiviertelstündigen Vortrag darüber zu halten, dass dein Ersteindruck von mir anfangs nicht ganz so gut war. Auch, dass du mir ausführlich in allen Einzelheiten erklärst, was genau dich an mir irritiert hat und wie ich das künftig sicher vermeiden kann. Vor allem, weil ich mich nicht erinnern kann, danach gefragt zu haben.
Hätte ich aber bestimmt, wenn es mir heute danach gewesen wäre, mich schlechter zu fühlen als notwendig.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Wort ‚Schlag’ in Ratschlag steckt.
Es ist sehr einfach, Menschen um uns herum zu beurteilen, zu benoten und sie mit wohlwollenden Ratschlägen so zu feilen, dass sie für uns angenehm werden. Das heißt nicht, dass wir das tun sollten.

Und wie ist es mit Ratschlägen, die wirklich nur gut gemeint sind? Die wir austeilen, weil wir jemandem einen Gefallen tun wollen? „Damit er es leichter hat“, „Weil ich genau in derselben Situation war und ihr das nur ersparen möchte“? „Ich hätte an deiner Stelle …“ Hätte, hätte, Fahrradkette.
Nett gemeint, aber auch diese Ratschläge taugen maximal zum Aufpinseln auf irgendwelche Schildchen, denn: JEDER MACHT SEINE EIGENEN ERFAHRUNGEN.
Wir können, selbst wenn wir es besser wissen, andere nicht vor Enttäuschungen und Fettnäpfchen bewahren. Jeder erlebt seine persönliche Geschichte! Unsicherheit/Überheblichkeit/Wut/Angst etc. lassen sich nicht wegratschlagen. Gefühle, die irrational erscheinen, ergeben einen Sinn wenn wir verstehen was hinter ihnen steckt. Und dafür müssen wir unserem Gegenüber zuhören.

Es gibt nur zwei Ratgeber, die tatsächlich etwas taugen: Zeit und Erfahrung.
Und manchmal ein ausgewachsener Gin Tonic.

Author

Christina

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