„Ich schwöre dir, jetzt war die echt mit dem Matthias in der Kiste. Die ist einfach so eine Schlampe.“

Ich sitze auf den Treppen der Bücherei Wien. Die beiden Mädchen zwei Stufen unter mir denken nicht daran, leise zu sprechen. Warum auch?
Slut Shaming ist gesellschaftstauglicher als je zuvor und nichts, was man nur hinter verschlossenen Türen macht (Slut Shaming Definition: Greift Frauen für ihr offenes Verhalten, extrovertiertes Gebaren und/oder ihren Kleidungsstil an und redet ihnen Schamgefühle dafür ein).
Das andere Mädchen lacht gehässig. „Jakob hat mir auf seinem Handy die Nacktfotos gezeigt, die sie ihm geschickt hat, als sie noch zusammen waren!
Die hat solche Push-Up-Schwarten in ihrem BH! Alles Fake. Aber Hauptsache die Titten bei jeder Gelegenheit rausdrücken.“

Ich bin genervt und mustere die beiden Mädchen genau. Eine Sache die auch ich beherrsche, seit ich denken kann.
Es ist der Blick, der uns Frauen von klein auf anerzogen wird: Eine Art Scan, mit dem wir jedes weibliche Wesen erst einmal auf Qualitätsmerkmale, aber viel lieber auf Makel prüfen.
Sofort ist er mir unangenehm, mein ‚Bodycheck‘.
Auf der Treppe sitzen, soviel steht fest, zwei junge Frauen voller Selbstzweifel.
Eine schätze ich auf 16, die andere scheint ein paar Jahre älter zu sein. Sie zupft an ihrem Oberteil und zieht die Enden über den Bund ihrer Jeans hinunter.
Ich beuge mich zu ihnen nach vor und beginne eine Unterhaltung.
Zu gerne möchte ich wissen, warum ihre Freundin Marlene denn so eine Schlampe ist und wie es ihnen bei dieser Unterhaltung gerade geht.
Die beiden Mädchen glotzen mich an und machen sich bereit für eine Konfrontation.
Erst, nachdem ich ihnen ausführlich versichert habe, dass es mir nicht um Streit geht, sind sie bereit zu einem Gespräch mit mir. Dass ich deutlich älter bin und sie mich somit nicht mehr als Konkurrentin ansehen, hilft auch.

Nachdem mich die beiden nun ihrerseits gründlich gemustert haben antwortet die erste zögerlich, trotzig: „Ist doch so. Das ist eine, die jetzt schon mit dem zweiten Typen aus der Schule im Bett war.“
Ich frage sie, wie viele denn erlaubt gewesen wären. Eine rhetorische Frage.
Wie viele oder wie wenige Männer darf eine Frau gehabt haben, damit sie keine Schlampe ist?
Sie stutzt. Das könne man nicht so genau sagen. Ihre Antwort überrascht mich nicht.
Tatsächlich ist es irrelevant, wie exzessiv oder verhalten Mädchen und Frauen ihre Sexualität leben- sie alle können Opfer von Slut Shaming werden, selbst wenn sie noch gar keinen Geschlechtsverkehr hatten.
„Es geht gar nicht nur darum,“ pflichtet ihre Freundin bei, „auch wie die rumrennt! Wie eine Schlampe einfach! Und sie glaubt auch noch, dass das andere gut finden.“
Ich frage die beiden, ob nicht die Möglichkeit besteht, dass Marlene sich offenherzig kleidet, weil sie es selbst gut findet? Sie sehen mich verständnislos an.
Ich versuche es anders: „Wie ist es, wenn ihr einen kurzen Rock tragen möchtet und eure Brüste betont, weil es euch gefällt und nicht unbedingt, weil ihr irgendwen damit aufreizen wollt?“
Sofort unterbricht mich eine der beiden und stellt klar, dass sie nicht ‚so Eine’ sei. Die andere stimmt ihr zu: „Pfff… Ich auch nicht!“ „So eine was? Schlampe?“
„Genau. Entweder oder. Zuerst anmachen und dann doch einen Rückzieher machen- da bist du bei den Typen sowieso direkt unten durch.“ Wir drehen uns im Kreis. Die beiden Mädchen sehen mich streitlustig an.

Sie tun etwas, das mich traurig und gleichzeitig wütend macht, weil es Frauen und Männer auf der ganzen Welt schon so lange tun. Oft fällt es uns nicht einmal mehr auf, so sehr haben wir Sexismus verinnerlicht. Und selbst wenn es uns bewusst wird, fühlen wir uns keineswegs schlecht deswegen, im Gegenteil. Body Shaming und Slut Shaming werten das eigene Selbstwertgefühl kurzzeitig stark auf. Es ist der verzweifelte Versuch, selbst besser vor anderen dazustehen.

Dabei ist es etwas, wofür wir uns 2017 in Grund und Boden schämen dürfen.
Denn zu glauben, man sei weltoffen, aufgeklärt und tolerant und gleichzeitig den Zeigefinger zu heben um damit auf Frauen zu zeigen, die frei und offen mit ihrer Weiblichkeit umgehen oder ganz einfach anders, als wir es tun würden, ist gleichzusetzen mit gelebtem Rassismus.
Es ist offene und ungehemmte Diskriminierung von Frauen.
Eine ungenierte Doppelmoral, die Männer heute wie damals zu tollen Stechern macht und Frauen im gleichen Atemzug zu Huren.

Jungen Mädchen wird seit jeher vermittelt, anständig und wertvoll zu sein, wenn sie ihre Sexualität möglichst sparsam und diskret einsetzen. „Unverbraucht“ bleiben. Dann erst sind sie Klassefrauen.
Heute stehen wir zusätzlich zu diesem Anspruch unter dem Druck der sozialen Medien, in denen ständig perfekte Frauenkörper vorgeführt werden. Es ist ein niemals endendes Match, ein andauerndes Vergleichen von Ärschen, Brüsten, Lippen, Wimpern, Beinen, Haaren, Zähnen und Hüften. Du sollst fit sein, schön, gepflegt und anziehend. Gleichzeitig musst du den Eindruck vermitteln, dass du „teuer“ bist und keinesfalls ein „leichtes Mädchen“! Nicht prüde und auf jeden Fall klug. Aber bitte auch nicht zu klug und auf keinen Fall klüger als dein Freund!
Sei charmant, zurückhaltend und easy zu handeln- ganz einfach ein „gutes Mädchen“! Dann verhinderst du auch sexuelle Übergriffe gegen dich, wohingegen „Schlampen“ es ja regelrecht herausfordern, nicht wahr?
Wie oft wird sexuelle Belästigung verharmlost oder sogar gebilligt, weil eine Frau für eine Schlampe befunden wird? Wie oft wird die sexuelle Vergangenheit gegen Frauen benutzt, wenn es um Vergewaltigung geht? Die sexuelle Doppelmoral ist viel stärker, als wir es uns vorstellen können.
Frauen werden verteufelt, das Fehlverhalten von Männern wird relativiert und beschönigt.
„Die war aber auch sehr offenherzig angezogen. Und betrunken. Und abends alleine unterwegs. Die darf sich nicht wundern!“ (Außer, der Täter war ein muslimischer Mann oder ein Asylwerber. Dann ist das natürlich etwas toootal anderes!)
Trotz aller Korrektheit soll eine Frau selbstverständlich aufgeklärt, smart und jederzeit bereit zu einem lockeren Flirt sein. Verklemmte, zugeknöpfte Tanten oder sogar, ach du Scheiße, eine Feministin, mag nämlich niemand.

Sobald eine Frau den Raum betritt, wird sie regelrecht gescannt, gecheckt, bewertet. Während einige Männer zuerst den Würde-ich-mit-der-in-die-Kiste-steigen-oder-nicht?-Filter über sie legen (der entscheidet bei manchen (!) Männern manchmal sogar, ob sie bereit sind, dieser Frau überhaupt zuzuhören oder nicht) – suchen andere Frauen mit Eifer nach den Makeln, die sie sofort anprangern können.
Sexism at its finest. Und wir merken es oft noch nicht einmal mehr.

Es fehlt an an Vorbildern an allen Ecken und Enden. Es fehlt an klugen Frauen und Männern, die Jugendlichen dabei helfen, ein gesundes Selbstwert- und Körpergefühl zu entwickeln.
Es braucht Erziehungspersonen, die vor allem jungen Mädchen klar machen, dass sie jedes Recht der Welt haben, mit ihrem Körper und ihrem Sexleben zu tun und zu lassen, was sie möchten.
Dass sie keine Ware sind und somit nicht teuer oder billig. Dass es okay ist, keinen Sex zu haben und trotzdem zu flirten. Dass du Nacktbilder von dir machen darfst und trotzdem jedes Recht hast, anschließend ‚Nein’ zu sagen. Es gibt keine Taten oder Worte, nach denen du gezwungen bist, auf alle Fälle mit jemandem ins Bett zu gehen!
Und auch sonst gibt es nichts, was du tun musst und genau so wenig etwas, das du unterlassen sollst– auch wenn dir diverse Kack-Mädchenmagazine, Frauenzeitschriften oder hinterwäldlerische Männer etwas anderes erzählen.

DU BIST WERTVOLL, egal was du trägst, wie du aussiehst und wen du liebst.
Hab Spaß an Mode und lass dir deine Overknees-Strümpfe oder dein enges Kleid nicht von anderen madig machen. Oder hab auch keinen Spaß an Mode und spazier in ausgelatschten Tretern durch die Gegend, it’s up to you!
Kurz: Du kannst mit deinem Körper machen, was du willst. Zeige ihn, so viel du willst, verdecke ihn, so viel du willst. Denn es ist DEIN verdammter Körper and none of someone’s business!

Wir müssen aufhören, von Optik und Kleidungsstil auf die Persönlichkeit von Menschen zu schließen und endlich anfangen, so tolerant zu sein, wie wir immer betonen dass wir sind.
Es wird sich nichts ändern, solange wir in der Kantine den kurzen Rock der Mitarbeiterin mit „Naja, wenn sie glaubt dass ihr das heute im Meeting hilft…“ kommentieren.
Es wird sich nichts ändern, solange wir Tageszeitungen zitieren, die über Kim Kardashian schreiben, dass diese auch durch ihren Missbrauchsüberfall „nichts gelernt hat“ und weiterhin „halbnackt rumläuft“.
Ein kurzer Rock ist keine Einladung an dich, mich zu betatschen!
Meine Geldbörse, die du gerade gesehen hast, ist auch keine Einladung an dich, den Fünfziger rauszunehmen, nur weil du ihn gerade gut brauchen kannst!
Es wird sich nichts ändern, solange wir jemanden als „leichtes Mädchen“ bezeichnen und Frauen misstrauisch beäugen, weil sie extrovertiert kommunizieren, laut lachen und gerne ihren Körper zeigen. Solange diese Dinge normal sind, weil sie ja schon immer so waren, solange schreiben wir Mittelalter!
Wieso fällt es uns noch immer so schwer, jeden Menschen für sich entscheiden zu lassen, wie er leben und sein möchte, selbst wenn es nicht unserem persönlichen Geschmack entspricht, ohne ihn dafür zu verurteilen und in Schubladen zu stecken?

Zurück auf die Stufen der Bücherei Wien.
Ich setze zu einem letzten Versuch an und ermutige die beiden Mädchen, weiter zu denken.
Zu reflektieren und zu unterscheiden, was sie seit Jahren einfach nachplappern und was sie tatsächlich selbst denken.
„Das hier ist ein Kampf gegen euch selbst. Mädchen, die ihr disst, kämpfen mit denselben Schwierigkeiten in dieser Gesellschaft wie ihr. Ihr führt einen Krieg gegen das eigene Geschlecht und helft mit, Frauen – und damit euch – klein zu halten.
Ihr hofft, mit diesem gehässigem Gerede selbst vor der Männerwelt besser dazustehen. In Wahrheit passiert genau das Gegenteil! Mit Bezeichnungen wie „bitch“ und „nuttig“ setzt ihr Frauen auf der ganzen Welt herab und helft mit, dass unsere, eure Wertigkeit daran gemessen wird, wie die Welt unsere Optik und unser soziales Verhalten beurteilt oder eben verurteilt.
Bitte hört damit auf. Nicht für mich oder sonst irgendwen– FÜR EUCH SELBST!“

Damit stehe ich auf und wünsche ihnen ein schönes Wochenende und dass sie sich richtig gut amüsieren.
Ich fühle mich wie ein Moralapostel, igitt!
Trotzdem habe ich ein klein bisschen Hoffnung. Hat ihnen das gerade irgendetwas gebracht? Ich habe keine Ahnung. Es würde mich so freuen. Für sie, für mich, für all uns girls hier und da draußen.

Author

Christina

2 thoughts on “SLUT SHAMING

  1. michi math on 30. April 2017 at 21:29 Antworten

    sehr sehr gut, interessant und fesselnt geschrieben! danke für den denkanstoß!

  2. Carina on 2. Mai 2017 at 17:03 Antworten

    Spannent geschrieben! Und für jederman ob Jung oder Alt und Mann oder Frau etwas zum mitnehmen dabei!

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