In welchem Zustand würden Sie, wenn Sie jetzt eine Entscheidung treffen müssten, für den Rest Ihres Lebens verweilen wollen?
Wie stellen Sie sich Erleuchtung, einen vollkommenen Seinszustand vor?

Manche Menschen beantworten diese Frage mit: Ein endloser Orgasmus.
Bei oberflächlicher Betrachtung erscheint das auch nachvollziehbar, ist ein Orgasmus doch der höchstmögliche Genuss, den ein menschlicher Körper erfahren kann.
Ein Sekundenrausch der Extraklasse: Euphorie bei gleichzeitiger Entspannung, die Serotoninspeicher entleeren sich hemmungslos und pünktlich zum Peak mischen noch Dopamin und Oxytocin eine Runde mit, zweifellos, da kommt schon einiges zusammen.
Trotzdem: Sich einen niemals endenden Zustand in vollkommener Ekstase zu wünschen ist natürlich Unsinn. Man denke an die immense Anstrengung, die sich schon nach kürzester Zeit einstellen würde. Und nach etwa achtundvierzig Stunden Höhepunkt hätten wir den Salat: Totale Erschöpfung, Überbelastung, Herzstillstand. Vom Gipfel direkt ins Nirwana. Ganz zu schweigen vom verstörenden Gesichtsausdruck, mit dem Sie herumrennen würden, bevor es Sie erwischt.
Sie sehen: Ein Orgasmus ist auch nicht immer die Lösung.

Ebenfalls eine gerne gegebene Antwort auf die Frage, was ewigen Seelenfrieden bescheren könnte: Verliebtheit.
‚Die Verliebtheit in der Kennenlernphase. Wenn man jemanden trifft, der der oder die Richtige zu sein scheint.’
Nüchtern betrachtet entscheiden Sie sich damit für eine klassische Form der Geisteskrankheit.
Ewig verliebt zu sein würde bedeuten, ewig schlaflos zu sein, unzurechnungsfähig und unangemessen euphorisch, frei von sämtlichen klugen, rationalen Gedanken. Ihr Sozialleben? Können Sie kübeln.
Denn nicht nur dem Umfeld, selbst unserem Körper ist Verliebtsein auf Dauer zu anstrengend. Aus diesem Grund heilt er sich in der Regel nach spätestens sechs Monaten selbst von diesem zwar entzückenden, allerdings auch höchst bedürftigen Zustand.

Ihre geschätzte Lebenserwartung läge bei niemals endender Verliebtheit – vorausgesetzt, Sie sind nicht derartig wirr und verträumt, dass Sie vor ein Auto taumeln oder in einen offenen Kanal fallen – zwar höher als bei jemandem, der sich für den Endlosorgasmus entschieden hat, aber nur weil man sich nicht das Genick brechen möchte, lässt man sich auch nicht freiwillig dem Arm auskugeln, nicht wahr?

Nun denn. Das schönste Gefühl der Welt ist unangestrengt, leicht und gleichzeitig voller Energie.
Es wird von keinem negativen und von keinem positiven Gedanken vernebelt und unterliegt damit auch nicht dem Gesetz der Dualität.
Deshalb ist es eigentlich auch kein Gefühl als vielmehr ein Bewusstseinszustand.
Und auch wenn Sie einen feuchten Khericht auf Buddha und spirituelle Lehren geben: Sie sind höchstwahrscheinlich regelmäßig in Ihrem Leben in diesem Zustand, ohne ihn bewusst wahrzunehmen.

Es ist der Moment, wenn Ihnen der Kellner oder die Kellnerin im Restaurant Ihr Essen bringt.

Ein Moment voll Stille und purer Aufmerksamkeit.
Wenn Sie registrieren, dass Ihr Essen gebracht wird, sind Sie für den Bruchteil einer Sekunde höchst präsent und gedankenfrei. Erfreut, aber unaufgeregt.
Kurz sind Sie befreit von Ihrem Ego. Denken nicht darüber nach, was Sie dem schmierigen Typen aus der Besprechung gerne gegeigt hätten, ob Sie morgen im Büro Hosenrock oder Jeans und Sneakers tragen werden oder wie die Schularbeit der Tochter wohl ausgefallen ist. All diese Dinge jetten vermutlich schon kurz nachdem Sie zu essen begonnen haben wieder durch Ihr Oberstübchen, aber dieser eine Moment, in dem Ihnen das Essen gebracht wird, ist Stille. Frieden.
Beobachten Sie sich beim nächsten Besuch im Restaurant und beobachten Sie die Menschen um sich herum. Versuchen Sie, diesen Bruchteil einer Sekunde bewusst wahrzunehmen.
Diese gedankenfreie Präsenz, in der Sie instinktiv wissen, was zu tun ist (nämlich den Teller entgegennehmen und das Essen begutachten) ist Erzeuger von wahrer Kreativität, Leichtigkeit und Tiefenintelligenz.
Wäre auch nur ein Drittel der Menschheit dauerhaft in einem ‘Mein-Essen-Kommt’-Bewusstseinzustand, – nennen Sie mich naiv, aber ich verwette mein nächstes Tofuschnitzel, – wir wären dem Weltfrieden ein ganzes Stück näher.

Freilich, spektakulärer sieht es aus, wenn jemand von seinen Hormonen zum Höhepunkt katapultiert wird. Aber ein ‘Mein-Essen-Kommt’-Dasein würde ich, auch gerade wegen seiner stillen Genügsamkeit, ohne zu zögern für den Rest meines Lebens abonnieren.

Author

Christina

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