good times in Ao Nang

Nach einer Woche auf Koh Lanta reisen wir weiter. Ich bin wehmütig und still, die Insel wird mir fehlen.
Stefan ist kränklich, sein Hals und seine Nasennebenhöhlen schmerzen.
So betreten wir schweigend die überfüllte Fähre, die uns nach Ao Nang bringt. Am Boden neben uns sitzen drei junge Backpackerinnen aus Amerika, sie überlegen, ob sie nach Fiji fliegen sollen und dazu eine Pro-und-Contra-Liste schreiben. Ich klinke mich in ihr Gespräch ein und plädiere für JA, da ich Fiji ebenfalls schon besucht habe und einfach nur atemberaubend schön fand. Sie freuen sich über meinen Input und wir erzählen uns von unseren bisherigen Erlebnissen in Thailand.
Auf Ao Nang angekommen suchen wir uns zunächst die nächste W-LAN Station und checken online in das nächste Hostel ein.
Auch an dieser Fährenstation tummeln sich Tuk Tuks und Trucks, die uns die billigste Mitfahrgelegenheit in die Stadt versprechen. Mittlerweile bin ich ganz gut im Handeln, für die Thailänder ist es ein richtiger Sport. Nur beim Essen auf der Straße verzichten wir gänzlich darauf.
Hier noch ein Tipp: Händler nehmen dir den Versuch, den Preis zu drücken, grundsätzlich nicht übel. Hat man aber länger verhandelt und ist man auch auf einen guten Preis gekommen, ist es enorm unhöflich, den Verkäufer schlussendlich ohne Deal stehen zu lassen. Dann lieber gleich bleiben lassen.
Vorsicht auch bei freundlichen Männern und Frauen, die kleine zahme Äffchen im Arm halten und dich fragen, ob du sie einmal streicheln oder halten möchtest. Das kostet anschließend! Und wenn unwissende Touristen Pech haben, nehmen sie ihnen den klammernden Affen so lange nicht mehr vom Arm, bis sie bezahlt haben.
Krabi ist die Provinz der TTTTs: T-Shirts, Taschen, Transvestiten und Touristen. Auch in Ao Nang herrscht ein unheimliches Gewusel, hier kann man nach Lust und Laune handeln und feilschen. Stand für Stand bietet gefälschte Ray-Bans und andere Markenprodukte an, die in Wirklichkeit keine sind.
In der Nacht wird Ao Nang zu einem Paradies für Transsexuelle und Prostituierte. Sie glitzern und glänzen, tragen Abendroben und extravaganten Kopfschmuck. Man ist gut beraten sie nicht zu fotografieren und schon gar nicht zu provozieren. Ersteres kann dich einige hundert Baht kosten, die sie anschließend sauer lächelnd für ein Foto einfordern, letzteres kann auch mit einer sehr unangenehmen, körperlichen Auseinandersetzung enden.
Im Hostel lernen wir wieder viele Backpacker aus der ganzen Welt kennen, vor allem mit einem Pärchen aus Schweden verstehen wir uns fantastisch, wir planen einen gemeinsamen Trip für die nächsten Tage.
Ao Nang besitzt wieder ein völlig anderes Flair als Koh Lanta, ich bin berauscht und glücklich und habe schon bald die Sehnsucht nach meiner Lieblingsinsel überwunden.

Ankunft in Bangkok. Maden schmecken speckig!

Nach 16 Stunden Flug und ohne ein Auge zugemacht zu haben landen wir entsprechend übermüdet, aber voller Vorfreude in Bangkok.
Mein Freund Stefan lächelt mich an, nimmt meine Hand und zieht mich aus dem Terminal, hinaus auf thailändischen Boden.
Die Reise startet wie jede unserer Reisen: Ohne Plan und ohne Route, aber mit vielen guten Tipps in unseren Backpacks. „Passt gut auf und gönnt euch ruhig etwas, übernachtet nicht immer in den billigsten Absteigen! Esst bloß kein ungeschältes Obst und nichts von der Straße!“
Schon am ersten Abend in Bangkok verschlingen wir ausgehungert fettige Nudeln in einer versifften Seitengasse der Khaosan Road und kosten anschließend gut angeschwipst noch gebratene Kakerlaken und Maden, die uns eine Clique von Australiern anbietet. Der Thai, der sie ihnen verkauft hat, grinst hinter seinem kleinen Stand hervor. Ich bin überzeugt davon, dass er uns alle auslacht und das gebratene Ungeziefer selbst niemals essen würde. Aber jetzt bin ich in Bangkok, ich will keine Langweilerin sein und so greife ich zu und schmatze genüsslich in Richtung Nahrungsquelle. Kakerlaken schmecken nach gar nichts, sind aber knusprig, Maden sind leicht säuerlich, weich und speckig.
„Und passt gut auf beim Wasser und bestellt die Getränke immer ohne Eiswürfel! Schaut bei den Taxis darauf, dass es nicht solche Schrottkisten sind, ich hab gehört dass es da schon viele Unfälle gab!“
Ich spüle den delikaten Käferbrei mit einem kräftigen Mai Thai mit viel Eis hinunter – was soll da schon groß passieren?! – und wir winken einem Tuk Tuk, das hauptsächlich von Drähten und Klebebändern zusammengehalten wird, dafür ist es billiger als ein Autotaxi.

Spätestens nach 200 Metern wissen wir, dass Taxifahren in Bangkok nicht nur zur Stoßzeit lebensgefährlich ist. Die Straßenverkehrsordnung scheint mehr als grober Richtwert gesehen zu werden als eine Regel. Wir landen also ein wenig verschwitzt, dafür aber 15 Minuten früher als von Google Maps prophezeit vor unserem Hostel.

Vorm Eingang versammeln sich um die 30 Paar Flip Flops. In Thailand gilt grundsätzlich: Schuhe ausziehen! Vor allem im Hause Buddhas, also im Tempel, ist es zwingend notwendig, seine Treter stehen zu lassen.
So müde wir wir sind, hätten wir uns, wenn erforderlich, auch unserer kompletten Kleidung samt Rucksack entledigt.
Ich will jetzt nur noch schlafen.

Schon in der ersten Nacht lerne ich, dass es ratsam ist, mit geschlossenen Augen aufs Klo zu gehen, falls man mal muss. In der Dunkelheit sieht man nämlich erst, wie viele Mitbewohner man tatsächlich hat und wie flink einige von ihnen sind. Schnell kneife ich die Augen zusammen, als eine daumenlange Kakerlake an meinen Zehen vorbeihastet. Lebend finde ich sie wesentlich ekelhafter als gebraten.  Aber ich weiß, dass sie am Teller sowie unter dem Bett nur eine Frage der Gewöhnung sind und tatsächlich: Schon bald ist mir sämtliches Getier, das sich mit mir Dusche, Klo und Fußboden teilt, gleichgültig und teils sogar sehr willkommen. Ein Gecko ist gleich weniger Moskitostiche, viele Geckos sind gleich kaum bis gar keine Moskitostiche.
An dieser Stelle ein wichtiger Tipp: Kakerlaken NIEMALS zertreten oder erschlagen!
Dass man dadurch ihre Eier, die sie oft mit sich herumtragen, quer im Raum verteilen kann, halte ich persönlich zwar für einen urban myth, was aber sicher stimmt: Kakerlaken sind wie vollgesogene Zecken und ihre Tötung verursacht eine unheimliche Sauerei.
Abgesehen davon sind sie zwar ekelhaft, aber harmlos und am Ende auch nur Tiere, die halt in einem hässlichen Körper geboren wurden.

Unser erster Morgen in Bangkok  startet mit einem wundervollen Frühstück und wir werden wieder einmal daran erinnert, wie frische Bananen und saftige Mangos eigentlich wirklich schmecken. Ich weiß noch nicht, dass einfach alles, das wir in nächster Zeit essen, superlecker sein wird und so verschlinge ich mein erstes Thai-Frühstück, als wäre es mein letztes. Es ist der 2. Tag im neuen Jahr und wir werden ihn in einem Land verbringen, das uns für die Mittagszeit 30 Grad im Schatten verspricht. Mit einem fetten Grinser im Gesicht und einer dicken Schicht Sonnencreme auf den Schultern machen wir uns auf und erkunden Bangkok bei Tageslicht…

Ein paar Stunden später haben wir sleeping buddha besucht sowie den großen Palast, den swimming market gesehen und anschließend noch einmal einen Abstecher in die Khaosan Road gemacht.
Es herrscht überall in Bangkok ein unheimliches Gewusel, dennoch fühlen wir uns die ganze Zeit über sicher und wohl.
Die Stadt hat ein Müllproblem, was sich nicht nur an einem üblen Geruch in vielen Seitengassen bemerkbar macht.
Bei unserer Tuk Tuk Fahrt zurück in unser Hostel erfahren wir von unserem Fahrer von der Heiligkeit des derzeit herrschenden Königs in Thailand. Gut zu wissen: Wer sich hier falsch verhält, hat die angenehmen Zeiten in Thailand hinter sich. Majestätsbeleidigung wird hart bestraft. Der König und seine Familie haben ein sehr hohes Ansehen und ihnen gewährt der größte Respekt.
Wir erzählen widerrum von der politischen Lage in Österreich und welchen Problemen sich unsere demokratische Republik aktuell stellen muss. Der Thai lacht. Unser Europa scheint sich wie ein guter Witz für ihn anzuhören.

 

Hast du den schönsten Augenblick deines Lebens schon erlebt?

Wir sind klein, schleimig, schutzlos und wir haben nichts, was wir vermissen, außer Nähe und dem warmen Saft, wenn dieses Loch im Bauch immer größer und schmerzhaft wird. Mama nennt es Hunger, und wenn sie uns den Hunger wegnimmt und uns warm wird, sind wir glücklich.

Doch schon bald sehen wir mehr von der Welt und all die bunten Sachen, die es gibt, viele davon können wir uns nehmen. Viel ist gut und wenig ist schlecht. Wir beginnen, Dinge zu vermissen, die nicht da sind, Dinge, die wir bei anderen gesehen haben. Deshalb fangen wir an, uns zu vergleichen und darauf zu achten, was die anderen tun und was sie haben.
Lesen, schreiben, Bruchrechnen, chemische Formeln auswendig lernen, … wir lernen sehr viel. Manches ist interessant, manches finden wir langweilig, einiges fällt uns sehr schwer und weit nicht alles können wir begreifen, doch wir versuchen trotzdem, zu den Besten zu gehören, weil das Leben dann angenehmer ist.
Leistung ist gut, Schwäche ist schlecht. Begabt sein ist wichtiger als nett sein, beliebt sein resultiert aus begabt sein und nett sein kann sich erlauben wer beliebt ist.

Wir hören aufmerksam zu. Wir glauben, was wir erzählt bekommen, bilden daraus eine Meinung und aus dieser Meinung entstehen unsere Gedanken und daraus folgend unser Tun.
Wir werden älter und ein „Ich weiß es nicht“ kommt uns immer schwerer über die Lippen. Wir glauben fest an unser sorgfältig aufgebautes Wissen, argumentieren mit Fakten und Statistiken, Zahlen und Berichten, die wir gelesen oder von denen wir gehört haben. Unsere Meinung ist uns wichtig und jeder, der sie nicht nur nicht vertritt und eine gegenteilige Ansicht kundtut, hat keine Ahnung. Manchmal passiert es, dass das, was wir dann eines Tages in der Welt sehen und erleben, ganz und gar nicht so ist, wie wir es gelernt und gehört haben. Dann wird uns klar, wie oft wir nachplappern und fremdes Denken übernehmen und wir kommen uns blöd vor.

Wir essen lustlos unsere Teller leer, denn wir hören schon sehr früh von Kindern, die nicht so viel haben wie wir und wir nennen sie „arm“, was wir automatisch mit „bedauernswert “ gleichsetzen. Doch als wir eines Tages auf Reisen gehen und diesen Menschen gegenüber stehen merken wir, dass sie nicht arm, sondern besitzlos sind und nicht sie, sondern vielmehr wir die Bedauernswerten sind, da wir trotz unseres Reichtums nicht lernen, glücklich zu sein.
Dann schämen wir uns ein bisschen.
Wir kaufen täglich unser kurzes Glücklichsein, weil wir es mit schönen Sachen verbinden. Wir streben nach Besitz und Anerkennung, bauen uns große Häuser – denn irgendwo muss man ja zur Ruhe kommen, wenn man so viel arbeitet. Wir fahren in den Urlaub – denn irgendwann muss man seine Batterien wieder aufladen. Work-Life-Balance und so. Wir kaufen uns Autos, iPhones, tablets, Pulsmesser, Zeitschriften, Schuhe, bis wir alle paar Jahre ein Gefühl der Atemnot bekommen, uns Angst und bange wird, wir die Sinnlosigkeit erahnen und Hilflosigkeit empfinden. Und wir spüren, dass wir nie glücklicher waren als auf den Reisen, auf denen wir nicht mehr als einen Rucksack am Rücken getragen und alles Unnötige zurückgelassen haben.
So beginnen wir, unseren Wohnraum wieder radikal ausmisten, uns von all dem angehäuften Ballast zu befreien. Wir können spüren, dass da noch mehr sein muss, eigentlich wissen wir es schon lange mit Sicherheit, doch wir haben Angst! Angst, weiterzudenken, Angst vor dem, was wir ins uns hören könnten und bevor diese Gefühle zu mächtig werden, checken wir unsere E-Mails, scrollen durch die facebook-Neuigkeiten, gehen eine rauchen. Aufblitzende Visionen in unserem Kopf beschwichtigen wir, indem wir sie Hirngespinste nennen und uns einreden, dass es sowieso nie funktionieren könnte.
Wenn wir Menschen begegnen, die unsere Hirngespinste tatsächlich leben, beäugen wir sie mit einer Mischung aus Bewunderung, Anerkennung und Neid. Sie erscheinen uns wie die Diebe unserer Träume, denn genau das waren doch unsere Wünsche! Es tut weh und wir bemühen uns, wegzusehen, uns abzulenken, zu verdrängen, weiterzumachen.

Und so existieren wir. Von einem Tag zum nächsten. Wir warten auf den Feierabend, warten auf das Wochenende, den nächsten Urlaub, träumen von einem besseren Job, googeln nach einer größeren Wohnung, nach einer neuen Handtasche, nach Trainingsprogrammen, denken über einen Whirlpool nach, eine Diät, „Denn wenn einmal, dann …“.
Wir rennen der Zukunft hinterher, ohne zu begreifen dass die Zukunft doch gerade passiert, just in diesem Augenblick erst von der Zukunft zum Jetzt wird! Und so verpassen wir uns in unserem Leben Tag für Tag für Tag für Tag für Tag.
Denn wir haben doch noch so viel Zeit! Aber jetzt geht es einfach gerade nicht! „Aber eines Tages, wenn ich einmal … und wenn das andere einmal nicht mehr ist, oh ja, dann bestimmt, doch solange die das nicht ändern, kann ich nicht …“.
Wir wissen, dass wir sterben werden, mehr noch – wir wissen, dass wir heute sterben können. Und doch tun wir jeden Tag so, als gelte das zwar für alle anderen, aber nicht für uns.
Wir zitieren und posten Lebensweisheiten: „Träume nicht dein Leben, lebe deine Träume“, anstatt endlich hinauszugehen, zu kündigen, zu reisen, auszubrechen, endlich aufzuwachen.

Und plötzlich, es ist uns unerklärlich, wann dieser Tag war, aber er war da, sind wir älter geworden als die Menschen, die wir beneiden, weil sie mutiger waren als wir. Chancen, die wir nicht wahrgenommen haben sind von „Irgendwann, wenn einmal… dann werde ich..“ zu „Hätte ich doch damals..“ geworden, wir beginnen zu begreifen, wie viel Zeit wir vergeudet und wie vielen Dingen wir unser Leben gewidmet haben,- Dingen, die letzten Endes so unwichtig waren. Es dämmert uns, was wir alles nicht erlebt haben, wie unglaublich viel wir uns selbst schuldig geblieben sind.

Wir werden wieder zu kleinen, schutzlosen Wesen. Wir sehnen uns nach Wärme und glauben nicht an Besitz, wir glauben nur noch an Zeit.

„Hast du den schönsten Moment deines Lebens schon erlebt?“